Reisebericht vom Tag 04: Cape Le Grand, Norseman, Cocklebiddy
 146,6km geradeaus: Auf los geht´s los...
"Olle!!! Der Schlächter, da steht er!! Am Strand. Er beobachtet uns und gleich kommt er um uns zu holen!" Ich muss gestehen bin schon lange nicht mehr so unsanft aus meinen Träumen gerissen worden. Mein Puls war von einem Schlag auf den nächsten bei 160. Schlächter, Strand, beobachten... Die Worte schossen in einer Irsinnsgeschwindigkeit durch meinen Kopf und suchten nach einer Verknüpfung. Meine Augen reagierten als Erstes. Durch die leicht beschlagenen Fenster konnte ich etwas erahnen. In einiger Entfernung stand etwas das mit halbwachen Verstand an den Rächer aus "Ich weiß was Du letzten Sommer gemacht hast" erinnerte: Diesen Typen, dessen Gesicht man nie erkennen kann, weil es von seiner Fischermannmütze verdeckt wird. Ich starrte ihn geschlagene 5 Minuten an und er starrte zurück, doch er bewegte sich nicht. Schließlich nahm ich allen Mut zusammen und mein Klappmesser in die Hand, stieg aus dem Auto und bekam unmittelbar einen Lachkrampf. Die beschlagenen Fenster hatten die Wahrnehmung derart getrübt, dass auf die Entfernung ein einfaches Warnschild als Person durchging.
Nachdem wir uns von diesem Schreck erholt hatten frühstückten wir am Strand und machten uns schließlich auf den Weg. An der nächsten Tankstelle erfuhren wir, dass die direkte Verbindung von Esperance nach Balladonia aufgrund des anhaltenden Regens derart verschlammt sei, dass selbst 4WD diesertage ihre Probleme hätten. Super, das bedeutete ja nur 200km Umweg über Norseman. Diese Trabantenstadt würde meines Erachtens niemals auch nur eine Menschenseele zu Gesicht bekommen, würde sie nicht von diesem unglückseligen Umstand profitieren, dass sie an der einzigen befestigten Straße auf dem Weg von Esperance nach Adelaide liegen. Wir haben uns dann aber den Spaß gegönnt und dem örtlichen Shopping Centre einen Besuch abgestattet.
Auf unserem Weg nach Cocklebiddy kamen wir am Dundas Nature Reserve vorbei. Ein Aussteigen war hier aber aufgrund der vielen Fliegen nicht möglich. Die haben hier alles belagert. Hier wäre der passend Ort, um den Horrorfilm „Die Fliegen“ zu drehen. Weiter Richtung Wüste wurden dann auch die Wege immer roter und die Bäume immer kürzer. Endlich ein Gefühl von Outback, da bis dato Flora und Faune eher durch Artenvielfalt denn durch Kargheit und Minimalismus bestachen.
Als wir es dann vor Hunger kaum noch aushielten, bogen wir in eine Seitenstraße Richtung “Luna Camping Park” ab. Dort durften wir dann kostenlos die Kochmöglichkeiten nutzen. Das war sehr nett, aber aufgrund der vielen Fliegen habe ich dann den Rest meines Mittagessens im Auto verzehrt. Schnell wieder weg!
Als wären wir noch nicht genug gerade aus gefahren, stand uns nun die längste Strecke Australiens bevor, die nur geradeaus geht. Zwischen Balladonia und Caiguna liegen 146,6km Teer und keine einzige Kurve, noch nicht einmal annäherungsweise. Der einzige Höhepunkt: Ungefähr zehn Kängurus, die gerade gemeinschaftlich dabei waren, über die Straße zu gehen. Ein paar links, ein paar rechts und der Rest auf der Straße. Es war kein Problem zu halten, aber wir waren zu überrascht um direkt Fotos zu machen, wie sie da direkt vor unserem Auto mit „über die Straße gehen“ beschäftigt waren. Als sie dann realisierten, dass wir da waren, hüpften sie schnell in alle Richtungen weg.
Übernachten wollten wir in Cocklebiddy. Als wir dann gegen Dämmerung dort ankamen, mussten wir feststellen, dass es sich um kein Dorf, sondern lediglich um eine Tankstelle und ein kleines Krankenhaus handelte. Na gut, auch nicht so schlimm. Wir stellten uns auf den Parkplatz der Tankstelle, um dort zu übernachten. Keine fünf Minuten später kam dann direkt ein Geldeinsammler vorbei, aber wir waren wirklich nicht gewillt, für das Stehen auf einem Parkplatz Geld zu bezahlen. Also stellten wir uns an den Straßenrand einer Seitenstraße, die direkt gegenüber der Tankstelle war. Man sollte übrigens wissen, dass die Straßen dieser Gegend auch als Landebahn der Flying Doctors genutzt werden. Diese Schilder haben wir ausreichend gesehen, aber dann nicht wirklich realisiert, dass wir direkt gegenüber von einer Ambulance standen. Nun gut, es wurde also dunkel und wir spielten wieder ein paar Runden Backgammon und tranken Bier. Auf einmal wurde Yvonne ganz unruhig, weil ein Flugzeug über uns am Kreisen war. Er hatte die Befürchtung, dass das Flugzeug wohl auf unserer Straße landen will. Ich hab das noch abgetan und auch wirklich nicht für möglich gehalten. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass wir quasi in Front einer Ambulance standen, war diese Theorie doch nicht wirklich verwunderlich.
Nun gut… das Flugzeug setze also direkt in unsere Richtung zur Landung an. Normal schockierte Leute springen dann also aus dem Wagen und gehen in Deckung. Wir saßen nur starr und steif da und schauten ungläubig auf das sich nähernde Flugzeug. Aber sicher, ich könnte die Geschichte nicht erzählen, wenn sie nicht noch eine glückliche Wendung genommen hätte. So ziemlich in letzter Minute oder besser Sekunde hat der Pilot wohl noch unser Licht (Kerzen) im Auto erkannt, ist abgedreht und landete dann direkt auf dem Highway. Das ist für die Flugzeuge natürlich nachts auch ein bisschen gefährlich, weil auf dem Highway die Roadtrains unterwegs sind, und die können so schnell nicht stoppen, wenn ihnen was in den Weg kommt. Was auch die vielen toten Kängurus am Straßenrand erklärt. Aber wie auch immer. Glück gehabt! Glücklicherweise waren wir noch nicht am Schlafen und hatten ein paar kleine Kerzen an. Dass nachts noch ein weiteres Flugzeug über uns kreiste, habe ich Yvonne gar nicht erst erzählt. Aber bei diesem war ich auch überzeugt, dass es das gleiche Flugzeug war, was wieder weggeflogen ist. Und das Kreisen erkläre ich mir damit, dass der Pilot über die Lichter am Straßenrand sicherlich verwundert war und vielleicht einfach noch mal schauen wollte, was sich unter ihm genau befand.
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