Canberra
Heute versucht Florian Kuhlmey, unseren Reisemuffel Bernhard Bleibzuhaus zu einer Reise in die australische Hauptstadt Canberra zu bewegen.
Bernhard: Warum sollte ich denn ausgerechnet nach Canberra fahren?
Florian: Canberra ist nicht gerade das, was man als pulsierende Großstadt bezeichnen würde, denn die Hauptstadt Australiens ist weder pulsierend noch überhaupt eine Großstadt. Aus diesem Grund wird sie von vielen Australiern als reine Beamtenstadt abgetan, gar als Inbegriff gepflegter Langeweile bezeichnet. Folglich meiden auch viele Touristen die Stadt. Zu unrecht! Bietet Canberra doch eine willkommene Abwechslung einer jeden sonst eher naturorientierten Australienreise. Nirgendwo sonst kann man soviele interessante Ausstellungen besichtigen und gleichzeitig soviel Wissenswertes über das Land erfahren wie in seiner unterschätzten Hauptstadt Canberra.
Bernhard: Wie komme ich den überhaupt dorthin?
Florian: Der einfachste und direkteste Weg nach Canberra verläuft von Sydney aus über den Hume Highway (31). Verlassen Sie die Stadt in südwestlicher Richtung bis kurz hinter Goulburn. Folgen Sie dann den Schildern nach Canberra auf der 23. In etwa drei Stunden sollten Sie Ihr Ziel erreicht haben. Bedenken Sie jedoch, dass die Benutzung des Hume Highways mautpflichtig ist. Keine Mautgebühr zahlen Sie für den schöneren aber auch längeren Weg entlang der Küste. Hier fahren Sie von Sydney aus auf der 1 (Southern Freeway bzw. Princess Highway) bis kurz vor Batemans Bay und biegen dann ab auf die 52 nach Canberra. Sollten Sie Ihre Fahrt in Melbourne beginnen, verlassen Sie die Stadt in nördlicher Richtung ebenfalls auf dem Hume Highway (31). Diesen befahren Sie bis kurz hinter Yass, wo Sie auf die 25 nach Canberra umschwenken. Planen Sie für diese Strecke etwa einen Tag ein. Sie können allerdings auch von Melbourne aus eine schönere aber längere Route entlang der Küste einschlagen. Verlassen Sie hierzu die Stadt in südöstlicher Richtung und orientieren Sie sich mehr oder weniger stark am Princess Freeway/Highway (1).
Bernhard: Was gibt es denn da nun genau zu sehen?
Florian: Canberra ist eine Stadt, die ganz und gar am Reißbrett entstanden ist. Und das sieht man ihr auch heute noch an. Lange und breite Boulevards ziehen sich mitten durch die Stadt und machen nur gelegentlich Platz für einen größeren Kreisverkehr. Als Fußgänger ist man bei dieser übertriebenen Ausdehnung der Stadt so gut wie verloren. Als Inhaber eines gemieteten Fahrrades hat man noch eine Chance, die verstreuten Sehenswürdigkeiten zu erreichen. Am besten hat man es jedoch als Besitzer eines Pkws, da die Stadt wohl ohne Abstriche als die autofreundlichste in ganz Australien bezeichnet werden kann. Doch wo sollte man anfangen? Die Stadt selbst wird etwa in der Mitte durch den Lake Burley Griffin geteilt. Nördlich davon befindet sich die so genannte „City", die diesen Namen aber wirklich nur in Anführungsstrichen verdient. Ebenfalls auf der nördlichen Seite des Sees liegen das National Museum of Australia und das Australian War Memorial. Der Stadtteil südlich des Sees spiegelt Canberras Funktion als Hauptstadt Australiens wider. Hier trifft man auf das neue und das alte Parlament sowie auf zahlreiche Botschaften und Verwaltungsgebäude. Darüber hinaus sind hier die National Gallery und die National Library angesiedelt. Über all die eben genannten Sehenswürdigkeiten werde ich im Folgenden sprechen, da ich sie als die „Top Tourist Attractions" Canberras einstufe. Das soll jedoch nicht heißen, dass sie die einzigen Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt sind. Einrichtungen wie das National Science and Technology Centre (Questacom), das Australian Institute of Sport, das National Film and Sound Archive, die Australian National Botanic Gardens oder der Canberra Space Dome & Observatory können sicher je nach individueller Vorliebe ebenfalls interessant sein. Informieren Sie sich doch hierzu einfach bei der Tourist Information, welche sich nördlich der City auf der Northbourne Avenue befindet.
Bernhard: Apropos nördlich! Erzählen Sie mir doch mal mehr von den Sehenswürdigkeiten nördlich des Sees!
Florian: Da wäre als erstes das National Museum of Australia, bei dem bereits der Name viel verspricht. Doch was verbirgt sich dahinter? Ein Geschichtsmuseum? Ein Kunstmuseum? Ein ethnologisches Museum? Oder doch eher ein Museum für Naturkunde? Die Antwort darauf lautet: Alles! Das National Museum versucht, all die eben genannten Museumstypen in einem einzigen Gebäude zu vereinen. Und genau darin liegt sowohl die Stärke als auch die Schwäche des Museums. Die Schwäche deshalb, weil der unvorbereitete Besucher leicht verwirrt wird aufgrund der enormen Vielfalt unterschiedlichster Informationen. So bleibt einem der Sinn einiger Teile der Ausstellung wie etwa des „Garden of Australian Dreams" wohl für immer verborgen. Andererseits kann die Vielfalt des Museums auch seine Stärke sein. Will man sich als Neuankömmling erst einmal einen groben Überblick über das Land, seine Einwohner und seine Geschichte verschaffen, dann ist man hier genau richtig. Der Besuch des National Museum of Australia sollte daher am Anfang eines jeden Aufenthaltes in Canberra wenn nicht sogar in Australien stehen. Beim Australian War Memorial weiß man hingegen genau, was sich hinter dessem Namen versteckt - ein Museum, das von all den Kriegen berichtet, an denen Australien beteiligt war. Dies sind hauptsächlich der Erste und der Zweite Weltkrieg, aber auch nachfolgende Konflikte wie der Vietnamkrieg und andere werden hier thematisiert. Die Inszenierung der einzelnen Kriege ist dabei erstaunlich einfallsreich. Sie reicht von der Nachbildung einzelner Schlachten mithilfe von Miniaturmodellen (Dioramas) bis hin zur Nachstellung alltäglicher Gegenstände und Begebenheiten im Krieg in Originalgröße. Überaus positiv fällt dabei das Bemühen um eine objektive bis kritische Wiedergabe der Ereignisse auf. So wird beispielsweise die für Australien so wichtige Schlacht von Gallipoli im Ersten Weltkrieg nicht bloß zur Legende verklärt (siehe Artikel zum Anzac Day) sondern auch deren Schattenseiten aufgezeigt. Schon aus diesem Grund lohnt ein Besuch im Australian War Memorial.
Bernhard: Und was liegt nun südlich des Sees?
Florian: Südlich des Lake Burley Griffin befindet sich das Regierungsviertel, was man unschwer an dem imposanten, bereits von weitem sichtbaren Parliament House auf dem Capital Hill erkennen kann. Das Parlamentsgebäude, welches 1988 anlässlich der 200-jährigen weißen Besiedlung Australiens eröffnet wurde, besticht aber nicht nur durch seine pure Größe sondern auch durch seine ungewöhnliche und zugleich faszinierende Architektur. Um das Parlament nicht auf dem Hügel zu errichten und die Politiker damit symbolisch über das gemeine Volk zu stellen, hat man das Gebäude kurzerhand in den Hügel hinein gebaut. Dies hat zur Folge, dass das Dach des Parlamentes nun mit Rasen bedeckt ist, den jedermann betreten und damit den Abgeordneten sprichwörtlich auf dem Kopf herumtanzen kann. Aber auch das Innere des Parlamentsgebäudes lohnt einen Besuch. Hier werden alle halbe Stunde äußerst informative Führungen angeboten, die einem zugleich die Architektur des Hauses und das politische System des Landes näher bringen. Das sollten Sie sich auf keinen Fall entgehen lassen! Das 200-jährige Jubiläum der weißen Besiedlung Australiens war jedoch nicht der einzige Grund für den Bau des neuen Parlamentsgebäudes. Vielmehr war das alte Gebäude eindeutig zu klein geworden, wovon Sie sich bei einem Besuch des Old Parliament House selbst überzeugen können. Hier hat man tatsächlich beim Umzug 1988 das gesamte Mobiliar stehen gelassen, so dass sich der heutige Besucher gewissermaßen auf eine Art Zeitreise ins Australien vor zwanzig Jahren begibt, wenn er das Gebäude betritt. Gleichzeitig beherbergt das Old Parliament House eine Ausstellung zur politischen Geschichte Australiens sowie die National Portrait Gallery. Ein Besuch hier ist demzufolge ebenfalls lohnenswert. Anders verhält es sich da schon mit der National Gallery of Australia. Beim Gang durch selbige wird einem einmal mehr bewusst, wie jung und wie gering besiedelt Australien eigentlich ist. Viele bedeutene Künstler hat das Land jedenfalls nicht hervorgebracht. Gerade wenn man aus dem an Kunst und Künstlern reichen Europa kommt, fällt der Besuch der National Gallery in Canberra eher ernüchternd um nicht zu sagen enttäuschend aus. Sparen Sie sich daher die Zeit und gehen Sie lieber ein paar Schritte weiter zur National Library of Australia. Nun ist eine Bibliothek im Regelfall nicht der Ort, den man als Tourist auf Sightseeingtour aufsuchen würde. Doch diese Bibliothek ist anders. Die National Library beherbergt eine kleine aber feine Ausstellung älterer Schriftstücke zur australischen Geschichte. Diese reichen von den ältesten europäischen Spuren auf australischem Boden (eine holländische Schrifttafel aus dem 17. Jahrhundert) über das Original-Logbuch von Captain Cook, in dem er von seinen Entdeckungen berichtet, bis hin zu Briefen von Australiens berühmtesten Outlaw Ned Kelly. All dies wird dem Besucher äußerst anschaulich mit hilfreichen Erklärungen am Rande dargeboten und macht die National Library of Australia damit zu einem kleinen Juwel in der sonst eher bescheidenen australischen Museumslandschaft.
Bernhard: Und was kostet mich der ganze Spaß?
Florian: In Canberra versucht Australien sich selbst in seiner ganzen Vielfalt darzustellen. Es will damit einerseits dem eigenen Bildungsauftrag gegenüber den Bürgern erfüllen, andererseits auch die ausländischen Touristen voller Stolz auf die eigenen Errungenschaften hinweisen. Als Besucher der Hauptstadt kommt einem diese Einstellung nur zu Gute, hat sie doch zur Folge, dass fast alle Sehenswürdigkeiten frei zugänglich sind. Lediglich für die Besichtigung des Old Parliament Houses muss ein geringes Eintrittsgeld in Höhe von 2,00 (1,00) Dollar entrichtet werden.
Bernhard: Muss ich da etwa auch noch übernachten?
Florian: Um Canberra gerecht zu werden, sollte man mindestens zwei Tage in der Stadt verbringen, was zwangsläufig die Frage nach einer angemessenen Unterkunft aufwirft. Als Hauptstadt verfügt Canberra natürlich über einige Übernachtungsmöglichkeiten, allerdings eher in der gehobenen Preisklasse. Für den kleineren Geldbeutel gibt es nur das halbwegs akzeptable City YHA und das ziemlich heruntergekommene City Walk Hotel. Wer einen etwas längeren Weg in Kauf nimmt, der sollte auf jeden Fall den Campingplatz Canberra Motor Village in Betracht ziehen. Für diesen gut ausgestatteten Caravan Park zahlt man nur 16,00 Dollar für ein unpowered site.
Bernhard: Na gut! Hört sich ja ganz akzeptabel an.
Florian: Wenn Sie während Ihrer Australienreise einmal genug haben sollten von lauter vor sich hin dösenden Koalabären in Eukalyptusbäumen, dann ist Canberra genau der richtige Ort für Sie. Ein Besuch in der Hauptstadt Australiens wird Ihnen zeigen, wie das Land zu dem geworden ist, was es heute ist.
Florian Kuhlmey

Australien